20. Türchen

      „Bist du aufgeflogen?“

      Stille – er ist besorgt.

      „Hm, ja, das hört sich gut an…“

      Stille – er ist zufrieden.

      „W-was ist passiert?“

      Stille
      – er ist verängstigt.

      „Oh man, du musst vorsichtiger sein...“

      Stille
      – er ist erleichtert.

      „Nein, du kennst mich doch. Ich werde schon aufpassen. Mach dir keine Sorgen.“

      Stille – er ist selbstsicher.

      Ein Telefonat.

      Ein Wechselbad der Gefühle.

      Und Heiji.

      Kazuha hielt im langen Flur der Hattoris inne. Sie war nur zufällig hier. Sie waren nicht verabredet gewesen und er hatte sie für heute nicht erwartet.

      Was hatte das zu bedeuten?

      Hatte Heiji doch eine Affäre?

      Kazuha wusste, dass das Gespräch nicht für ihre Ohren bestimmt war.

      So eine ähnliche Situation hatte sie schon einmal durchlebt.

      Sie hatte befürchtet, dass Heiji eine feste Freundin hatte – eine Frau namens Kudo. Allerdings hatte sich Kudo als guter Detektiv-Freund herausgestellt.

      Kazuha zitterte am ganzen Leib. Was sollte sie jetzt machen? Einfach abhauen und so tun, als hätte sich diese Situation niemals ereignet? Oder ihn direkt damit konfrontieren?
      Welche Worte wären denn bei einer derartigen Konfrontation überhaupt angebracht? Sie hatte bloß eine vage Vermutung, keine stichhaltigen Beweise.
      Herrje, sie dachte ja schon wie Heiji.

      Sie schüttelte mit dem Kopf und versuchte einen klaren Gedanken zu fassen.

      „K-Kazuha?“

      „Heiji?“

      Er stand auf einmal direkt vor ihr. Sie hatte seinen schlurfenden Gang nicht wahrgenommen.

      „Kazuha, ist alles okay? Kannst du mir sagen, warum du so aufgewühlt bist?“

      „H-Heiji...“

      „Kazuha?“

      „Heiji...“

      „Kazuha?“

      „Heiji!“

      „Kazuha...?“

      „Heiji!“

      Nun brüllte sie seinen Namen.

      „Kazuha!“
      Er erwiderte mit derselben Intensität in seiner Stimme.

      „Wer war am Telefon?“

      Sie hatte die Frage aller Fragen gestellt. Die Frage, die ihr seit ihrer Ankunft auf der Seele gebrannt hatte.
      Sie musste die Antwort wissen.

      Heijis Augen weiteten sich. Er hob abwehrend die Hände hoch.

      „W-was?“

      „Du hast mich gehört. Ich war dabei. Wer war am Telefon?“

      Heiji atmete hörbar aus. Kazuha wusste, dass er über eine frei erfundene, logische Erklärung nachdachte. In ihrem Sprachgebrauch hieß das Ausrede.

      „Kazuha, wie du weißt...“

      „Sag mir bitte die Wahrheit“, unterbrach sie ihn.

      „Wenn du mir nicht die Wahrheit sagen willst, dann sag gar nichts.“

      Heiji blieb still. Sein Kopf war leicht gesenkt. Seine obere Gesichtshälfte war wegen der Dunkelheit im Raum nicht zu sehen.

      „Heute ist eigentlich Weihnachten, weißt du? Ich wollte dich fragen, ob du Lust hast, mit mir spontan etwas zu unternehmen. In letzter Zeit hatten wir wegen den Prüfungen überhaupt keine Zeit gehabt.“

      Sie wartete. Er sagte noch immer nichts.

      „Allerdings möchte ich jetzt nicht mehr.“

      Noch immer verließ kein Sterbenswörtchen seinen Mund.

      Sie nickte resigniert. Als sie sich umdrehte und die Haustür ansteuerte, wurde sie von Heiji fest am Handgelenk gepackt.

      „Geh nicht, Kazuha. Es ist nicht so, wie du denkst...“

      Kazuha stand wie angewurzelt da. Sie wartete. Ihr Körper war angespannt.

      „Ich habe nicht mit einer Frau telefoniert.“

      Doch keine Affäre?

      Sie drehte sich ruckartig um und erschreckte Heiji.

      „Wirklich?“

      „Ja, ich habe mit einem guten Freund telefoniert, der in der Klemme steckt. Mehr kann ich dir nicht sagen, Kazuha. Aber das ist die Wahrheit.“

      „Heiji...“

      Kazuha fing an zu weinen. Sie war so erleichtert. Er hatte doch keine andere Frau an seiner Seite!

      Er umarmte sie. Er war so warm. Sie fühlte sich in seinen Armen wohl und sicher. Sie schmiegte sich an ihn. Ihr Herz schlug immer schneller.

      „Kazuha, du brauchst in der Hinsicht niemals besorgt oder verängstigt zu sein. Du hast mich an der Backe.“



      Das waren die schönsten Worte, die sie an Weihnachten jemals gehört hatte.