10. Türchen

      Eri, Kogoro und das Missverständnis an Weihnachten (Teil 1)
      英理と小五郎と誤解のクリスマス (前編)

      Der Winter hatte unübersehbar Besitz von Tokio ergriffen. Wie man es von einem 18. Dezember erwarten mochte, waren die Temperaturen im Keller und die Straßen komplett in Schnee eingehüllt. Eri Kisaki zog den Kragen ihres Mantels noch ein bisschen höher. Egal wie viele Schichten an Kleidung sie sich überstreifte, ein wenig fröstelte es sie immer. Sie überquerte den riesigen Platz und hatte zum Glück das große Hochhaus, welches ihr Anwaltsbüro beherbergte, schnell erreicht.

      Beim Betreten der Lobby blieb Eri einen Moment lang stehen, um die Wärme, die sie sofort durchströmte, richtig in sich aufzunehmen. Das Personal hinter dem großen Empfangstresen war schwer damit beschäftigt, Anrufe an die verschiedenen Büros im Gebäude durchzustellen; durch die Glasfront konnte man wunderbar die draußen vorbeiziehende Menschenmasse verfolgen, während man selbst innehielt. Eri ging rüber zu den Fahrstühlen und hatte schon den Arm ausgestreckt, um sich einen davon zu rufen, als sie jemand von hinten ansprach. "Frau Kisaki! Ach, wie schön sie hier anzutreffen!"

      Eri drehte sich um und starrte in das Gesicht von Atsunori Nabei. In seiner rechten Hand hielt er einen fast schon übergroßen Blumenstrauß. "Herr Nabei, mit ihnen hatte ich gar nicht gerechnet! Sind die Blumen etwa für mich?", fragte Eri.
      Letzte Woche war Nabei vor Gericht von allen Anklagepunkten freigesprochen worden, die ihm eine lebenslange Haftstrafe oder sogar die Todesstrafe hätten bescheren können. Doch er war unschuldig und deshalb seiner Anwältin unendlich dankbar dafür, dass sie auch das Gericht von dieser Unschuld überzeugen konnte.

      "Natürlich! Das ist doch das Mindeste, was ich tun kann, um mich erkenntlich zu zeigen! Eigentlich haben sie noch viel mehr verdient, immerhin haben sie quasi mein Leben gerettet. Im Gefängnis hätte ich es doch keine drei Tage ausgehalten ... von der Todesstrafe ganz zu schweigen ... wie dem auch sei, bitte schön", sagte Nabei und überreichte Eri den Blumenstrauß.

      Sie schnupperte an den Blumen; ihr Duft zauberte Eri ein Lächeln aufs Gesicht. "Die Blumen sind wunderschön, Herr Nabei, und sie duften so himmlisch", schwärmte sie. An der Seite des Gestecks bemerkte sie ein Stück Papier. "Und sogar eine Grußkarte, auch noch mit goldener Schrift und allen möglichen Verzierungen. Das wäre doch nun wirklich nicht nötig gewesen!"
      Eri strahlte förmlich. Wegen eines Blumenstraußes (zugegeben ein bemerkenswert großer und schöner Blumenstrauß) und einer Grußkarte. Es mochte banal erscheinen, aber dieses Jahr schlugen die Wintertage Eri ziemlich aufs Gemüt. Sicher, der Sieg vor Gericht letzte Woche war toll, aber die Gewinnerfreude hielt sich nicht übers Wochenende. Herr Nabei hatte genau den richtigen Zeitpunkt erwischt, um Eri eine Freude zu machen.

      "Ach die, naja, die hab ich nur vorsichtshalber beigelegt, für den Fall das ich Sie nicht im Büro antreffe", sagte Nabei und kratze sich verlegen am Hinterkopf. Mit so einer starken Reaktion von Eri hatte er nicht gerechnet. "Und richten sie auch Herrn Kudo meinen Dank aus. Ich war ja skeptisch wegen seines Alters, aber er hat ja ebenfalls einiges für mich geleistet."

      In der Tat, Shinichi war Eri bei diesem Fall eine große Hilfe gewesen, seine Ermittlungen haben einige Sachverhalte in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen.
      "Mach ich gerne, keine Sorge", sagte Eri. Nachdem sich Nabei nochmals überschwänglich bedankte, machte sich dieser auch schon wieder auf den Weg. Er habe noch Einkäufe zu erledigen.

      Mit dem nächsten Aufzug fuhr Eri hoch zu ihrem Büro, welches sie allerdings erst aufschließen musste, da ihre Sekretärin, Frau Kuriyama, krankheitsbedingt einige Tage abwesend war. Gut, dass sie Herrn Nabei selbst getroffen hatte, ansonsten hätte der Ärmste den Blumenstrauß beim Empfang abgeben müssen. Nachdem sie ihre Winterkleidung abgelegt hatte, setzte sich Eri an ihren Schreibtisch und stellte die Blumen in eine Vase. Hoffentlich würden sie noch einige Tage so schön bleiben.

      Eri nahm die Grußkarte vom Strauß und warf einen Blick hinein: Liebe Frau Kisaki, ich kann ihnen gar nicht genug danken. Diese Blumen sind zwar wundervoll, aber eine so überwältigende Frau wie sie, hätte eigentlich noch mehr verdient. Ich wünsche ihnen Glück und Gesundheit für ihr restliches Leben im Allgemeinen und für den kommenden Geburtstag des Kaisers, die Weihnachtstage und die Neujahrsfeierlichkeiten im Besonderen. - Atsunori Nabei

      Niedlich. Ja, die Worte waren schön und vor allem ehrlich gemeint, trotzdem erstarb das Lächeln auf Eris Lippen. Denn die Worte erinnerten sie wieder daran, warum sie schlechte Laune hatte. Die bevorstehenden Feiertage ... viel Glück, tja, den Wunsch konnte sie gut gebrauchen, denn Glück hatte Eri leider überhaupt nicht. Weihnachten war in Japan zwar weit verbreitet, allerdings mehr als sekulärer, kommerzieller und inoffizieller Feiertag, ähnlich dem Valentinstag. Es hatte sich in jüngster Vergangenheit bei manchen eingebürgert, am 25. Dezember ein Weihnachtsessen in Familienkreisen zu veranstalten und der 26. Dezember wurde als ein Tag für Verliebte und Paare behandelt, die sich an diesem Tag beschenkten und Zeit miteinander verbrachten.

      In den letzten zehn Jahren hatte Eri den 26. Dezember alleine verbracht, was ihr nie etwas ausgemacht hatte. Doch dieses Jahr war anders und Eri wusste nicht genau warum. Manchmal, spät abends, hatte sie die Horrorvorstellung überkommen, dass sie auf Ran eifersüchtig sein könnte. Seit Shinichi Kudo vor einiger Zeit nach Tokio zurückgekehrt war, waren die beiden ein Paar und Ran war glücklich. Sehr glücklich. Sozusagen überglücklich. Mehr als einmal hatte Eri geseufzt; nicht, weil sie ihrer Tochter es nicht gönnte glücklich zu sein, ganz und gar nicht. Eri musste daran denken, wie glücklich Kogoro und sie selbst einst waren. Es war schön, glücklich zu sein, in einer festen Beziehung zu sein, verliebt zu sein. Nun gut, verliebt war Eri noch immer, aber glücklich nicht.

      Deshalb hatte Eri befürchtet, dass Rans Glück ihr die Stimmung an den Feiertagen vermieste. Denn Ran würde den 26. Dezember, im Gegensatz zu Eri selbst, mit ihrem Geliebten verbringen, mehr noch, die beiden waren von Yukiko eingeladen worden, Weihnachten in Los Angeles zu verbringen. Dort würden sie zwar auf Schnee verzichten müssen, aber Eri hatte keinen Zweifel, dass die beiden anderes im Kopf hatten. Jedenfalls war sie, Gott sei Dank, zu dem Schluss gekommen, nicht auf Ran eifersüchtig zu sein. Nein, es war lediglich so, dass Ran ihr zeigte, was alles in ihrem eigenen Leben fehlte. Nun gut, alles war wohl eher übertrieben, wenn es doch nur eine Sache war die ihr fehlte, nämlich Kogoro ... aber eigentlich wollte sie gar nicht, dass Kogoro ihr fehlte. Auch wenn der alte Esel es ihr in letzter Zeit nicht leicht gemacht hatte. Oftmals hatte er sich ordentlich ins Zeug gelegt, aber irgendwie schaffte er es immer, trotz aller guten Intentionen, die Stimmung gehörig zu ruinieren. Die Erwartungen senken, damit die Überraschung gelingt ... die mieseste Geschenktaktik aller Zeiten, zumindest aus Eris Sicht. Und wenn am Ende die Überraschung auch noch misslingt, naja, dann hatte man eben ihren diesjährigen Geburtstag, ein totales Desaster.

      Und dennoch ... Eri verspürte das Bedürfnis, die Weihnachtstage mit Kogoro zu verbringen, es ließ sich nunmal einfach nicht leugnen. Aber irgendwie wollte sie dann doch nicht, es war merkwürdig. Einmal in ihrem Leben wünschte Eri, dass Ran sich mal wieder ungefragt in das Liebesleben ihrer Eltern einmischen würde; ja, eine von ihrer Tochter arrangierte Feierlichkeit mit Kogoro würde ihr angenehmerweise die Entscheidung abnehmen, ob sie Kogoro selbst zu einem Essen oder etwas ähnlichen einladen sollte. Aber nein, Ran war zu beschäftigt mit ihrer eigenen Beziehung. Zu beschäftigt damit, glücklich zu sein.

      Eri schüttelte den Kopf. Dauernd an Ran und Shinichi zu denken brachte sie auch nicht weiter. Sie starrte, wie öfters in letzter Zeit, auf das Telefon in ihrem Büro. Einen einfachen Anruf, mehr bräuchte es nicht. Allerdings hatte Kogoro bisher auch keine Anstalten gemacht, sie zu irgendwas einzuladen ... vielleicht wollte er auch wieder die Erwartungen senken. Eri schüttelte erneut ihren Kopf, diese Gedanken waren jetzt vollkommen fehl am Platze. Sie hatte schon zu lange gezögert, heute war der Tag gekommen, heute würde sie ihn anrufen. Mit einem Griff hatte Eri den Hörer am Ohr und mit einem weiteren war mittels Schnellwahlspeicher die Nummer der Detektei Mori gewählt.

      Duuut... Das Rufzeichen. Immerhin.
      Duuut...
      Duuut...
      Duuut...
      Duuut...


      Hallo, sie haben den Anschluss der Detektei Mori erreicht. Leider kann ich im Moment nicht ans Telefon...

      Weiter ließ Eri die Bandansage des Anrufbeantworters nicht kommen, sie legte auf. Typisch, da versuchte sie einmal ihren nichtsnutzigen Ehemann zu erreichen und natürlich war er außer Haus. Sie beschloss ein wenig zu arbeiten und es später erneut zu versuchen. Doch egal, wann sie es an diesem Tag versuchte, Kogoro bekam sie nie an die Strippe.

      Und so vergingen die nächsten Tage. Eine Gelegenheit, Kogoro erneut anzurufen ergab sich irgendwie nicht, der Zeitpunkt war einfach nie ganz richtig, zumindest redete Eri sich das jetzt ein. Immerhin hatte er ebenfalls nicht versucht, sie zu erreichen. Es war der 25. Dezember, sie saß alleine in ihrem Büro und hatte vor einigen Minuten Frau Kuriyama verabschiedet, die mit ihrer Familie den Abend verbringen würde. Eri hingegen wusste endgültig, dass sie am heutigen Abend alleine bleiben würde. Ihre Tochter war inzwischen bei Eris bester Freundin in Amerika; und selbst wenn die Kudos Weihnachten in Tokio feiern würden, hätte sich Eri fehl am Platz gefühlt, wenn sie mit den Vieren gefeiert hatte. Sie wäre das buchstäbliche fünfte Rad am Wagen und darauf hatte sie keine Lust.

      Eri gönnte sich einen frühen Feierabend und verließ das Büro. Draußen war es schon dunkel, doch Tokio strahlte natürlich auch ohne Sonne. Im Schneetreiben tummelten sich weiterhin die Menschenmassen, gefühlt alles Paare an diesem Abend, aber das war wahrscheinlich nur ihre Einbildung. Eri wollte sich schon auf den Weg zu ihrem Mini Cooper machen, als ihr das Hotel auf der anderen Seite des Platzes ins Auge fiel. Es war ein hochklassiges Hotel, mit einer sehr schicken Bar. Dort hatte sie bereits mit Frau Kuriyama und einem Klienten einen Sieg gefeiert, war noch gar nicht so lange her. Eri überlegte für einen kurzen Moment, bevor sie sich auf dem Weg in das Hotel machte. Normalerweise war das nicht ihr Ding, aber ihre Stimmung war auch, zum ersten Mal seit zehn Jahren, nicht normal.

      Die Bar war gut besucht. Eri beschloss, dass ein oder zwei Drinks den Abend ein bisschen entspannter machen würden und wollte gerade zu einem der freien Plätze gehen, als sie plötzlich etwas sah, dass sie vollkommen aus der Fassung brachte. Niemand anderes als ihr Ehemann, Kogoro Mori, saß da in dieser Bar. Natürlich. Von allen Bars in der riesigen Metropole Tokio musste sich Kogoro natürlich ausgerechnet diese aussuchen. Was aber noch schlimmer war: er war nicht alleine. Mit an seinem Tisch saß eine junge Frau mit sehr offenherzigem Outfit. Sie war durchaus attraktiv und sehr jung, ein bisschen älter als Ran vielleicht, aber nicht viel.

      Obwohl sie vor Entsetzen erstarrt war, besann sich Eri darauf, schnell hinter eine Säule in den Räumlichkeiten zu treten, wodurch sie außerhalb der Sichtweite von Kogoro und seinem Schnittchen war. Sie wollte die beiden nicht stören und eigentlich auch nicht belauschen (war ja sein Ding, wenn er gerne mit einem Mädchen anbandeln wollte, die seine Tochter sein könnte), aber ihr 'Versteck' hatte sie zwar aus der Sichtweite geschafft, aber nicht aus der Hörweite.

      "Und? Was macht so ein attraktiver Mann während der Weihnachtstage in einer Bar? Sollten sie nicht bei ihrer Familie sein?", fragte das Schnittchen.

      "Ach Gottchen, hören sie auf mit Familie", ächzte Kogoro. "Meine Tochter hat sich mit ihrem drittklassigen Detektiv-Loverboy in die Staaten verabschiedet und meine Frau ... ach, lassen wir das, ich möchte nicht über meine Frau nachdenken." Die folgende Schlürfgeräusche deuteten darauf, dass Kogoro seinen Drink leerte. Der Wievielte mochte das wohl gewesen sein?

      "Naja, wenn sie nicht mehr über ihre Frau nachdenken wollen ... ich kann ihnen mit dem Vergessen helfen, wenn sie verstehen was ich meine", säuselte das Schnittchen. Eri ballte ihre Hände zu Fäusten.

      Kogoro lachte leicht dümmlich und betrunken. "Ja ... das ist wahrscheinlich genau das, was ich jetzt brauche", sagte er. Die Beiden standen auf, Kogoro zahlte die Rechnung und verließ die Bar mit dem Schnittchen. Glücklicherweise konnte man Eri in ihrem Versteck beim Herausgehen nicht entdecken. Ihre Knöchel waren weiß und einige Tränen liefen ihre Wange herunter. Es war hiermit wohl offiziell: dieses Weihnachten war ihr schrecklichstes Weihnachten aller Zeiten.

      - Fortsetzung folgt im 11. Türchen...

      Na da bin ich aber jetzt gespannt ob es wirklich danach aussieht oder ob da noch eine Wendung kommt. Die arme Eri. Aber sehr schön geschrieben, war leicht und gut zu lesen. Da warte ich sehr gerne auf den zweiten Teil. Sind ja meine Lieblinge in Detektiv Conan und kommen meiner Meinung nach viel zu selten vor. :)

      The truth is still out there!!!
      Also ich kann mich da im Wesentlichen meiner Vorrednerin anschließen, auch mir hat dieser erste Teil gut gefallen. Auch mir stellt sich natürlich die Frage, ob Kogoro und Eri nicht doch noch ein Happy End erhalten, zumindest für das Weihnachtsfest, verdient hätten es die beiden schon.
      Generell entwickelst du auch Eris Charakter sehr interessant. Das die Handlung nach dem Ende von DC spielt und Ran und Shinichi ein Paar sind, auf das Eri sogar ein wenig neidisch ist, ist mir so ein neuer Gedanke, aber wird hier durchaus passend in die Handlung eingefügt.
      Zu guter letzt gefällt mir aber auch dein Schreibstil, bzw. integrierst du die direkte Rede mEn sehr flüssig, ein Punkt bei dem ich bei meiner eigenen Geschichte gemerkt habe, dass das gar nicht so leicht ist.^^
      Hard things are hard.